Russland-Sanktionen mit globalen Auswirkungen

Russland-Sanktionen mit globalen Auswirkungen

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Russlands eigenmächtiger Einmarsch in die Ukraine hat eine beispiellose Reihe von Finanzrestriktionen und Exportkontrollen des Westens ausgelöst, die die Wirtschaft des Aggressors lahmlegen und die Kriegsanstrengungen untragbar machen sollen. Die massiven Sanktionen unter Führung der Vereinigten Staaten fallen in eine Zeit, in der die globalen Lieferketten wegen der COVID-19-Krise bereits Turbulenzen ausgesetzt waren.

Die westlichen Länder suchen nach Alternativen zu russischen Rohstoffen, und viele westliche Unternehmen und Finanzinstitute meiden Geschäfte mit Moskau, weil sie befürchten, gegen Sanktionen oder Ausfuhrkontrollen zu verstoßen oder sich dem moralischen Druck von Interessengruppen auszusetzen. Aber nicht jedes Land kann oder will Russland isolieren und auf seine Rohstoffe verzichten. Russland ist nach wie vor ein wichtiger Energielieferant und exportiert große Mengen an Getreide und Düngemitteln.

China und Indien, die beiden bevölkerungsreichsten Länder der Welt, wollen trotz erheblicher Hindernisse in Bezug auf Währung und Logistik weiterhin mit Russland Handel treiben.

China

China braucht Russlands Energie und andere Rohstoffe, ist besorgt über die westlichen Sanktionen und hat ein Interesse daran, seine Abhängigkeit vom US-Dollar zu verringern und den extraterritorialen Sanktionen der USA möglichst zu entgehen. Wie groß die Belastungen sein werden, hängt von den nächsten wirtschaftspolitischen Schritten des Landes ab – einschließlich der Währungsstabilität, dem Handel mit westlichen Ländern und dem Wunsch, sich nicht von einem einzigen Lieferanten abhängig zu machen.

Sowohl China als auch Russland haben ein Interesse daran, die Wirkung westlicher Sanktionen zu verringern, und könnten alternative Zahlungswege einrichten, um den Handel aufrechtzuerhalten. Ihre Interessen sind jedoch unterschiedlich – Russland ist möglicherweise viel eher als China bereit, auf Wirtschaftswachstum und Investitionen zu verzichten. Es bleibt abzuwarten, inwieweit Länder wie Indien, die Türkei oder Brasilien diese Finanzkanäle für den russischen Handel nutzen würden, und ob diese durch Chinas eigene wirtschaftspolitische Prioritäten eingeschränkt würden.

Gleichwohl gehören chinesische Banken zu denjenigen, die sich Sorgen über eine direkte Verletzung der Sanktionen machen. Sie wollen nicht mit Geldstrafen belegt werden, wenn sie US-Dollar-Märkte für den Handel mit Russland nutzen.

Das Land möchte sich auch nicht zu sehr von Russland als Lieferanten abhängig machen, sodass es wahrscheinlich ist, dass China seine Handelsbeziehungen weiter ausbalancieren wird. Gleichzeitig wird es nach langfristigen Alternativen zu dem an die USA gebundenen Zahlungsverkehr suchen und seine Lieferketten unabhängiger von Nordamerika machen.

Indien

Indien ist ein wichtiger Abnehmer von Lebensmitteln aus Russland und der Ukraine und möchte die Vorteile des vergünstigten russischen Kraftstoffs nutzen, den europäische Käufer und einige asiatische Raffinerien ablehnen.

Indiens Energiegeschäfte sind theoretisch legal, aber schwierig. Aufgrund der Größe des russischen Energiemarktes wurden die Sanktionen so formuliert, dass viele Energietransaktionen möglich sind – sogar unter Verwendung des US-Dollars und verwandter Währungen. Da Indien jedoch befürchtet, in die Enge getrieben zu werden, könnte es immer noch nach neuen Zahlungswegen suchen.

Die große Herausforderung für Indiens weiteren Handel mit Russland ist der Umgang mit zwei lediglich halb konvertierbaren Währungen: dem Rubel und der Rupie. Der Rubel ist aufgrund der Kapitalverkehrskontrollen der russischen Regierung zunehmend nicht konvertibel geworden. Es ist unklar, wie das funktionieren wird, aber Indien wird ein Vorreiter für Länder sein, die ein Interesse daran haben, niedrige Lebensmittel- und Kraftstoffpreise zu gewährleisten und gleichzeitig nicht mit extrem komplizierten Sanktionen, Kapitalkontrollen und Einschränkungen bei Versand und Logistik in Konflikt zu geraten.

Die Rolle von Kryptowährungen

Einige Länder könnten versucht sein, alternative Transaktionen wie Kryptowährungen zu nutzen, um den Handel am Laufen zu halten. Sicherlich hat es kurz vor und nach der Invasion eine Flucht in Bitcoin und andere Kryptowährungen gegeben. Diese Transaktionen sind jedoch nicht groß genug, um das Ausmaß der Finanztransaktionen zu bewältigen, die weiter in Russland ein- und ausgehen werden. Darüber hinaus hat die russische Regierung Kapitalverkehrskontrollen eingeführt, damit russische Unternehmen Kryptowährungen nur noch begrenzt nutzen können. Das soll den Druck auf den Rubel reduzieren.

Lieferketten und Inflation

Der Krieg in der Ukraine und die Sanktionen gegen Russland haben jedoch nicht nur Auswirkungen auf die Währungsmärkte und die Wirtschaftspolitik. Eine der größten Auswirkungen könnte sich auf die Energie- und Lebensmittelpreise ergeben.
In der Lebensmittelversorgungskette gibt es mehrere Faktoren, die eine Rolle spielen. So haben beispielsweise einige Reedereien beschlossen, den Handel mit Russland einzustellen. Das bedeutet, dass selbst wenn ein anderes Land russischen Weizen kaufen möchte, nicht klar ist, wie er dorthin gelangt. Der Konflikt könnte zudem die Aussaat in der Ukraine einschränken. Frühere Sanktionen gegen Weißrussland und steigende Erdgaspreise erhöhen auch die Kosten für Düngemittel.

All diese Fragezeichen in Bezug auf Finanzen und Logistik erschweren das ohnehin schon schwierige Jahr, in dem die Welt gerade dabei war, sich auf eine Normalisierung der globalen Politik und die anhaltenden COVID-19-Lockdowns in China einzustellen.

Und nicht zu vergessen: Die Pandemie ist immer noch im Gange, vor allem in China. Die damit verbundenen Lockdowns könnten einige der Lieferketten, die erst vor Kurzem berechenbarer geworden sind, erneut durcheinanderbringen. Mit der Pandemie und dem Angriff auf die Ukraine treffen unterschiedliche Dynamiken zusammen, die die ohnehin schon höheren Lebensmittelpreise möglicherweise steigen lassen und das Umfeld für Düngemittel noch weiter eintrüben könnten.

Viele sprechen deshalb von Inflation und Stagflation. In den USA hat die Federal Reserve mit ihren Zinserhöhungen begonnen und weitere Schritte angekündigt.

Gewinner und Verlierer in den Schwellenländern

Insgesamt sind Inflation und Stagflation keine gute Nachricht für Schwellenländer. Sie sind bereits gezwungen, ihre geldpolitischen Maßnahmen zurückzunehmen und die Zinssätze zu erhöhen. Dies erhöht den Druck auf die Finanzbehörden zusätzlich.

Selbstverständlich gibt es innerhalb der Schwellenländer relative Gewinner und Verlierer.

Rohstoffexporteure könnten im Vergleich besser abschneiden. Länder, die Öl und Gas produzieren, wie zum Beispiel Saudi-Arabien und die Vereinigten Arabischen Emirate können einigen dieser Trends trotzen. Metalle wie Platin und Palladium im Falle Südafrikas oder landwirtschaftliche Erzeugnisse im Falle Brasiliens haben ebenfalls für eine gewisse Absicherung gesorgt.

Zu den Verlierern gehören Länder, die bereits vor der Pandemie mit Finanzproblemen zu kämpfen hatten und nun zusätzlich unter Druck geraten sind. Länder, die von russischen oder ukrainischen Lebensmittel- und Energielieferungen abhängig waren, sind besonders stark betroffen.

Die Türkei sieht sich aufgrund ihrer wirtschaftspolitischen Entscheidungen bereits unter Druck. Ägypten war gezwungen, seine Währung abzuwerten und hat steigende Subventions- und Importkosten. Viele Länder, die auf Rohstoffimporte aus Russland angewiesen sind, werden in eine Wachstumskrise geraten.

Nur wenige Staaten werden von dem Konflikt in der Ukraine unberührt bleiben. Russlands Einmarsch in die Ukraine hat die westlichen Länder veranlasst, mit enormer wirtschaftlicher Härte zu reagieren. Putin hat versucht, sich vor dem Einmarsch gegen solche Sanktionen zu wappnen, sich aber verkalkuliert, worunter die Russen mehr als alle anderen leiden werden. Aber die Folgen des Angriffskriegs treffen alle.


Über Rachel Ziemba

Rachel Ziemba ist eine globale Makrostrategin und Expertin für Länderrisiken. Sie ist spezialisiert auf die Entwicklung wirtschaftlicher und politischer Szenarien für Vermögensverwalter über kurz-, mittel- und langfristige Zeithorizonte. Ihr Fachwissen bezieht sich insbesondere auf die Auswirkungen von Wirtschaftssanktionen, Exportkontrollen und Handelsbeschränkungen. Derzeit ist sie Adjunct Senior Fellow für das Center for a New American Security, eine politische Denkfabrik, wo sie an Arbeiten über die Auswirkungen von Wirtschaftssanktionen, Handelspolitik und Energiesicherheit mitarbeitet. Außerdem ist sie Senior Advisor bei Horizon Client Access und Non-Resident Fellow für das Gulf International Forum. Zuvor war sie über ein Jahrzehnt lang für Roubini Global Economics tätig, wo sie zuletzt vier Jahre lang die Makrostrategieforschung für Schwellenländer leitete. Ziemba sitzt im Vorstand von Enquire.AI, Pamela Harriman Foreign Service Fellowships und dem Heart and Soul Charitable Trust.


Dieser geopolitische Artikel basiert auf der GLG-Telekonferenz „Russia’s Invasion of Ukraine: Lasting Effects of Sanctions“. Wenn Sie mit geopolitischen Expertinnen und Experten wie Rachel Ziemba oder einem unserer etwa 1 Million Netzwerkmitglieder sprechen möchten, kontaktieren Sie uns bitte.

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